Arbeitnehmerfreizügigkeit
Kurzbeschreibung
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ist eine der vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes. Sie ermöglicht Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) sowie des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), in einem anderen Mitgliedstaat eine Beschäftigung aufzunehmen, dort zu leben und unter den gleichen Bedingungen wie inländische Arbeitnehmer zu arbeiten.
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit schützt Beschäftigte vor Diskriminierung aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit und erleichtert die grenzüberschreitende Mobilität innerhalb Europas. Sie trägt dazu bei, den europäischen Arbeitsmarkt zu stärken und den freien Austausch von Arbeitskräften zu ermöglichen.
Sie gehört zu den grundlegenden Prinzipien des europäischen Arbeits- und Sozialrechts.
Gesetzliche Grundlagen
Die wichtigsten Rechtsgrundlagen sind:
- AEUV – insbesondere Art. 45 AEUV
- EU Verträge
- 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union
- EU Grundrechtecharta
- EU)
- EU Sozialrecht
- AGG
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird durch zahlreiche Urteile des EuGH konkretisiert.
Ziele der Arbeitnehmerfreizügigkeit
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit verfolgt insbesondere folgende Ziele:
- freien Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt ermöglichen
- Diskriminierung verhindern
- Fachkräftemobilität fördern
- wirtschaftliche Zusammenarbeit stärken
- Arbeitskräftemangel ausgleichen
- Chancengleichheit schaffen
- europäischen Binnenmarkt stärken
- soziale Integration fördern
Bedeutung der Arbeitnehmerfreizügigkeit
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit gehört zu den wichtigsten Grundfreiheiten der Europäischen Union.
Sie ermöglicht Beschäftigten:
- Arbeitsplatzwahl innerhalb der EU
- Wohnsitzwechsel
- berufliche Entwicklung
- internationale Berufserfahrung
- Gleichbehandlung
- soziale Absicherung
Unternehmen profitieren gleichzeitig von einem größeren Arbeitskräfteangebot.
Grundprinzip
EU-Bürger
⬇️
Freie Arbeitsplatzwahl
⬇️
Beschäftigung im EU-Ausland
⬇️
Gleichbehandlung
⬇️
Sozialer Schutz
⬇️
Freier europäischer Arbeitsmarkt
Wer profitiert?
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt grundsätzlich für:
- Staatsangehörige der EU-Mitgliedstaaten
- Staatsangehörige der EWR-Staaten
- Schweizer Staatsangehörige (auf Grundlage besonderer Abkommen)
Unter bestimmten Voraussetzungen können auch Familienangehörige hiervon profitieren.
Rechte der Arbeitnehmer
Beschäftigte haben insbesondere das Recht,
- sich in einem anderen Mitgliedstaat zu bewerben
- dort eine Beschäftigung aufzunehmen
- sich frei zu bewegen
- sich dort aufzuhalten
- gleich behandelt zu werden
- dieselben Arbeitsbedingungen zu erhalten
- Zugang zu Sozialleistungen zu erhalten (nach den geltenden Vorschriften)
- an Aus- und Weiterbildungen teilzunehmen
Gleichbehandlungsgrundsatz
Ein zentrales Element der Arbeitnehmerfreizügigkeit ist die Gleichbehandlung.
Arbeitnehmer dürfen wegen ihrer Staatsangehörigkeit grundsätzlich nicht benachteiligt werden.
Dies betrifft beispielsweise:
- Einstellung
- Vergütung
- Arbeitsbedingungen
- Kündigungsschutz
- Weiterbildung
- Sozialleistungen
- betriebliche Leistungen
Zugang zum Arbeitsmarkt
EU-Bürger benötigen grundsätzlich:
- keine Arbeitserlaubnis
- keine Aufenthaltserlaubnis zur Arbeitsaufnahme
Sie können sich auf Stellen bewerben und eine Beschäftigung aufnehmen wie inländische Arbeitnehmer.
Ausnahmen bestehen nur in wenigen gesetzlich geregelten Bereichen.
Einschränkungen
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ist nicht uneingeschränkt.
Mögliche Einschränkungen bestehen insbesondere:
- aus Gründen der öffentlichen Sicherheit
- zum Schutz der öffentlichen Ordnung
- zum Schutz der öffentlichen Gesundheit
Diese Ausnahmen werden eng ausgelegt.
Verhältnis zur Sozialversicherung
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit bedeutet nicht, dass in allen EU-Staaten dieselben Sozialversicherungssysteme gelten.
Vielmehr werden diese durch das EU Sozialrecht koordiniert.
Hierzu gehören insbesondere:
- Krankenversicherung
- Rentenversicherung
- Arbeitslosenversicherung
- Unfallversicherung
- Familienleistungen
Versicherungszeiten aus verschiedenen Mitgliedstaaten können unter bestimmten Voraussetzungen zusammengerechnet werden.
Bedeutung für Unternehmen
Unternehmen profitieren unter anderem durch:
- größere Auswahl an Fachkräften
- internationale Personalgewinnung
- mehr Wettbewerb
- bessere Personalplanung
- Ausgleich von Fachkräftemangel
Gleichzeitig müssen sie den Gleichbehandlungsgrundsatz beachten.
Bedeutung für Beschäftigte
Beschäftigte profitieren insbesondere durch:
- freie Arbeitsplatzwahl
- bessere Karrierechancen
- internationale Berufserfahrung
- Schutz vor Diskriminierung
- Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt
- bessere Entwicklungsmöglichkeiten
Bedeutung für Arbeitgeber
Arbeitgeber müssen insbesondere:
- Bewerber gleich behandeln
- Diskriminierung vermeiden
- europäische Vorschriften beachten
- Beschäftigte unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit gleich behandeln
- arbeitsrechtliche Vorgaben einhalten
Bedeutung für Betriebsräte
Für Betriebsräte ist die Arbeitnehmerfreizügigkeit insbesondere relevant bei:
- Einstellung internationaler Beschäftigter
- Gleichbehandlung
- Integration
- Sprachförderung
- Qualifizierung
- Arbeitsbedingungen
- Diskriminierungsschutz
Der Betriebsrat kann darauf achten, dass alle Beschäftigten unabhängig von ihrer Herkunft gleich behandelt werden.
Bedeutung für Vertrauensleute
Vertrauensleute können:
- neue Kolleginnen und Kollegen unterstützen
- über Rechte informieren
- Integration fördern
- Sprachbarrieren abbauen
- Ansprechpartner sein
- den Betriebsrat unterstützen
Typische Arbeitgeberfehler
- Benachteiligung ausländischer Beschäftigter
- unterschiedliche Vergütung
- unzulässige Stellenausschreibungen
- fehlende Integration
- Missachtung europäischer Vorgaben
- Diskriminierung im Bewerbungsverfahren
Typische Fehler von Betriebsräten
- Integrationsbedarf unterschätzen
- Diskriminierung nicht erkennen
- Informationsangebote fehlen
- Sprachbarrieren unbeachtet lassen
Praxisbeispiel
Ein deutsches Maschinenbauunternehmen stellt mehrere Fachkräfte aus Polen und Spanien ein.
Alle Beschäftigten erhalten dieselben Arbeitsbedingungen, dieselbe Vergütung und denselben Zugang zu Weiterbildungsmaßnahmen wie ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen. Der Betriebsrat begleitet die Einarbeitung, unterstützt bei Integrationsfragen und achtet darauf, dass der Gleichbehandlungsgrundsatz eingehalten wird.
Verhältnis zu anderen Themen
| Thema | Zusammenhang |
|--------|--------------|
| AEUV | rechtliche Grundlage |
| EU Recht | Oberbegriff |
| EU Sozialrecht | Koordinierung der Sozialversicherung |
| Binnenmarkt | Arbeitnehmerfreizügigkeit als Grundfreiheit |
| Grundfreiheiten der EU | Einordnung |
| AGG | Schutz vor Diskriminierung |
| EuGH | Auslegung der Freizügigkeit |
| EU) | nationale Umsetzung |
Merksatz
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ermöglicht EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern, in jedem Mitgliedstaat unter den gleichen Bedingungen wie inländische Arbeitnehmer zu arbeiten. Sie schützt vor Diskriminierung, stärkt den europäischen Arbeitsmarkt und gehört zu den wichtigsten Grundfreiheiten der Europäischen Union.
Bezug zu Knoten
- AEUV
- EU Verträge
- EU Recht
- EU Sozialrecht
- Binnenmarkt
- Grundfreiheiten der EU
- EU)
- AGG
- EuGH
- Sozialversicherung
- Arbeitsmarkt
- Diskriminierung
- Gleichbehandlung
- Migration
- Fachkräftemangel
Praxisrelevanz
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil des europäischen Binnenmarktes und gewinnt angesichts des Fachkräftemangels zunehmend an Bedeutung. Unternehmen können qualifizierte Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten gewinnen, während Beschäftigte von erweiterten Karrierechancen profitieren. Betriebsräte und Vertrauensleute sollten insbesondere auf Gleichbehandlung, faire Arbeitsbedingungen, Integration und die Einhaltung europäischer Arbeitnehmerrechte achten.